Türkei: Todesschwadronen kehren zurück

Von Ismail Küpeli

Todesschwadronen kehren zurück

Erbarmungsloser Feldzug der türkischen Armee eskaliert den Konflikt weiter

Seit der Krieg in den kurdischen Städten der Türkei angekommen ist, gibt es Meldungen über Todesschwadronen an der Seite der türkischen Armee. Es häufen sich die Hinrichtungen von Zivilisten.

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Kurden mit dem in den Kämpfen zwischen der Armee und der PKK getöteten Murat Ergul.

Bereits im September kursierten die ersten Meldungen darüber, dass bei den Militäroffensiven auf kurdische Städte in der Südosttürkei wie beispielsweise Cizre nicht nur reguläre Soldaten und Polizisten eingesetzt wurden, sondern auch andere, paramilitärische, Kräfte. Einige kurdische Quellen meldeten sogar, dass IS-Kämpfer an der Seite der türkischen Armee an den Angriffen teilnehmen würden. Auch wenn dies unwahrscheinlich ist, gibt es durchaus Aufnahmen von einzelnen Sondereinheiten der Armee und Polizei, die man eher von Dschihadisten oder den berüchtigtsten Todesschwadronen der 90er Jahre erwarten würde.

In diesen Aufnahmen ist zu sehen, wie kurdische Zivilisten gefoltert und getötet werden, nicht selten unter islamistischen Schlachtrufen. Auch die Wandsprüche, die von den türkischen Sicherheitskräften in den kurdischen Städten angebracht werden, zeugen davon, dass hier Kräfte am Werk sind, denen es nicht bloß um die Bekämpfung eines militärischen Feindes geht. Dort ist die Rede davon, dass man Rache nehmen werde an den Kurden und dass der »Wolf erwacht« sei - eine wenig subtile Anspielung auf das Symbol des Grauen Wolfes der türkischen Faschisten, die zuletzt in den 90er Jahren für viele politische Morde verantwortlich waren.

Wie schon damals im Bürgerkrieg der 90er Jahre geht die Ausweitung des Krieges auf die Gebiete mit Zivilbevölkerung mit einer Brutalisierung der militärischen Vorgehensweise und dem Einsatz von Todesschwadronen und paramilitärischen Kräften einher, die eine solche Vorgehensweise ermöglichen. Taten, vor denen »einfache« Soldaten und Polizisten möglicherweise zurückschrecken wie etwa die Hinrichtung von Zivilisten, werden Kräften überlassen, die derlei moralische Bedenken nicht haben.

In den 90er Jahren waren zwei Organisationen hierfür berüchtigt: JITEM, eine informelle Einheit innerhalb der türkischen Gendarmerie, sowie die türkisch-kurdische Hizbullah, eine islamistische Terrororganisation, die vom türkischen Staat im Kampf gegen vermeintliche Sympathisanten der Arbeiterpartei Kurdistans eingesetzt wurde. Nach Ansicht von Journalisten und Menschenrechtsaktivisten sind diese Organisationen für zahlreiche politische Morde, Anschläge und das »Verschwindenlassen« von Menschen verantwortlich.

Im gegenwärtigen Krieg kursiert ein neuer Begriff: »Esedullah« (»Löwen Gottes«). Laut kurdischen Quellen agiert diese Organisation neben und mit den türkischen Sicherheitskräften in kurdischen Städten, wobei nicht gänzlich klar ist, ob es sich um selbstständige Einheiten oder um ein Netzwerk innerhalb der türkischen Sicherheitskräfte handelt. Esedullah wird für die Erschießung von kurdischen Zivilisten und andere Verbrechen verantwortlich gemacht, die laut dem kurdischen Abgeordneten Idris Baluken darauf abzielt, die kurdische Bevölkerung durch Terror einzuschüchtern. Diese Einschätzung deckt sich mit aufgesprühten Parolen und Videoaufnahmen, die mit Esedullah unterzeichnet sind. Sie enthalten kurdenfeindliche und islamistische Parolen.

Im Zusammenhang mit den Hinrichtungen von Kurden, die allein vorige Woche mindestens 15 Opfer in Silopi und Van zu beklagen hatten, ist das Auftauchen solcher Kräfte ein düsteres Vorzeichen für den weiteren Verlauf des Krieges in der Türkei.

Quelle: 12.01.2016 neues deutschland http://www.neues-deutschland.de/artikel/997690.todesschwadronen-kehren-zurueck.html

 

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