VORSICHTIGES RESUME MEINER INDIEN-REISE (5. und letzter Bericht)

Ein 11 tägiger Indien-Aufenthalt ist zwar nicht die Welt. Ich bekam dennoch eine Menge mit. Und es war auch nicht mein erster Indien-Aufenthalt. Bereits 2004 bereiste ich das Land - im Zuge meiner Teilnahme am Weltsozialforum (WSF) in Mumbai. Also wage ich eine - vorsichtige - Zusammenfassung meiner Eindrücke.

Ich hatte zweimal die Gelegenheit, mit dem Bus durchs Land zu fahren. Von Chandigarh nach Patiala und von dort nach Amritsar. Was ich sah, war schlicht fürchterlich. Nicht nur jede Menge Elendshütten, sondern Zelte aus Stroh (sic!), in denen Menschen hausen/ vegetieren müssen. In Delhi nahm ich bewußt eine Motorrikscha (und nicht die U-Bahn), um durch die Altstadt zu fahren. Auch hier jede Menge Elend und Zurückgebliebenheit.

Für kulturelle Einrichtungen scheint wenig Geld zur Verfügung zu sein. Das legendäre "Rote Fort" in der Hauptstaft - Sitz der Mogul Herrscher; hier stand einst auch der "Pfauenthron" - befindet sich in einem stark renovierungsbedürftigen Zustand. Ich wohnte in einem kleinen Hotel vis a vis des "Indian National Institute for Technology". Unter der Stadtautobahn "wohnen" etliche Menschen - ohne Waschgelegenheit und Sanitäranlagen...

All das bestätigt die Positionen linker, marxistischer indischer SozialkwissenschaftlerInnen, daß es KEINEN "take off" (Rostow) des Landes gegeben hat. Es gibt manche Bereiche, die prosperieren - hier wird vom mainstrem immer auf den IT-Bereich (z.B in Bangalore) verwiesen. Aber selbst in offiziellen indischen Medien wird nicht verschwiegen, daß dieser Sektor in keiner Weise die millionenhaft benötigten (neuen) Arbeitsplätze schaffen kann.

Profitiert hat vom Wachstum des BSP das Großkapital und die sogenannte "Mittelklasse" (ich verwende hier ausnahmsweise diesen Gummi-Begriff, unter den in den bürgerlichen Sozialwissenschaften so ziemlich alles vom besser verdienenden Angestellten bis hin zum "mittleren Unternehmer" subsummiert wird). Diese "Klasse", in Wirklichkeit eine heterogenes Konglomerat, - sie wird auf 150-200 Millionen Menschen geschätzt-, konnte ihren Lebensstandard tatsächlich beträchtlich verbessern und trägt ihn protzerisch, neureich zur Schau. Damit hat es sich aber auch schon. Indien hat rund 1,3 Milliarden EinwohnerInnen. Und bei der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung ist der steigende Wohlstand NICHT angekommen. Nicht nur nicht bei den meisten Dalits (rund 25 Prozent der Bevökerung), "tribes" (rund 8 Prozent) und -oft extrem verschuldeten- Kleinbauern, sondern auch bei vielen regulär- also nicht "informell" beschäftigten ArbeiterInnen und Angestellen: nicht wenige verdienen bloß lausige 15.000 Rupien im Monat (also rund 200 Euro) und darunter.

Der zentrale Grund für diese Negativ-Entwicklung liegt darin, daß der bürgerliche "Kongreß" zwar die nationale Unabhängigkeit erreichte, aber nie mit dem Kapitalismus und international mit dem Imperialismus brach. Die indische KP orientierte sich - nach  stalinistischer Tradition - an der "längerfristigen Zusammenarbeit mit der nationalen Bourgeoisie" - obwohl der 2. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale 1920 für die Kolonialländer genau das Gegenteil beschlossen hatte. Auch nach der Spaltung der KPI (in CP(M), CP(ML),...) herrscht in dieser Kardinalfrage in der indischen Linken heillose Verwirrung.

Zwei Punkte möchte ich hier nur andeuten - sie verdienen eine eingehende Behandlung. In den letzten Jahren war oft von den "aufsteigenden BRICS-Staaten" die Rede. Was stimmt ist, daß es hier mehr oder weniger "Wachstum"gegeben hat. Aber weder sind die vermehrten Reichtümer breit "unten" in der Gesellschaft angekommen, noch haben sich diese Länder aus der Umklammerung durch den Imperialismus befreien können. In Rußland wie in Südafrika fand keine Diversifizierung der Ökonomie statt, Brasilien befindet sich in einer schweren wirtschaftlichen und politischen Krise ("kalter Putsch"), wie die Dinge in Indien liegen, habe ich oben darzulegen versucht.

Obwohlich ich gegenüber der nationalen ("Sozialismus mit chinesischen Charakteristika") und internationalen (etwa in Griechenland!) Politik der KP Chinas sehr kritisch eingestellt bin, läßt sich nicht leugnen, daß der Weg, den China eingeschlagen hat, sich von dem anderer BRICS-Staaten unterscheidet. M.E. liegt das darin, daß trotz der immer mehr ausufernden "Reformmaßnahmen" in China in den letzten Jahrzehnten nach wie zentrale Errungenschaften der Revolution 1949 (wenn auch extrem ausgehöhlt) erhalten geblieben sind.

 

                        Hermann Dworczak, 9.7.2016 (0043 / 676 / 972 31 10)

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