MARX-KONFERENZEN IN PEKING UND MOSKAU

MARX-KONFERENZEN IN PEKING UND MOSKAU

Zum Gedenken an den 200. Geburtstag von Marx gab und gibt es weltweite Veranstaltungen (jetzt z.B. in Budapest/ Sofia/....). An seinem Geburtsort Trier wurde eine Statue aufgestellt. In Mannheim (Deutschland) gab es sogar einen Marsch durch die Stadt. Im Mai nahm ich an zwei großen Konferenzen teil - in Peking und Moskau.

BEIJING

Die Konferenz in Peking an der Peking-Universität war sehr "offiziell": viele Verbeugungen vor Marx und Lob für die Ideen von Ji Jinping - aber sehr wenig Inhalt. Die Mehrheit der ChinesInnen präsentierte Marx als Teil einer "Staatsreligion". Nur einige behandelten konkrete Probleme mit der - noch immer gültigen - Methode von Marx als Instrument der Analyse.

Die interessantesten Beiträge kamen von einigen russischen ReferentInnen und "Westlern".

Ein russischer Redner berichtete über das tragische Leben von Rjazanow - Direktor des berühmten Marx Engels Instituts, der von seinem Posten vertrieben und schließlich von Stalin liquidiert wurde. Ludmilla Buzgalin sprach über die (möglichen) Beziehungen zwischen China und Russland. Im Zusammenhang mit der Seidenstraßen-Initiative fragte sie, ob es nur wirtschaftliche Projekte oder auch Raum für Kultur und soziale Aktivitäten geben wird? Ob alles von oben kommt oder ob die Zivilgesellschaft ihren Beitrag leisten kann?

Auch die Inputs der indischen GenossIen waren interessant - sie haben die wachsende Kluft zwischen Importen und Exporten zwischen Indien und China aufgezeigt und dass Indien immer mehr an Boden verliert.

Es gab Interventionen von Davis Harvey und Samir Amin. Sie sprachen über den aggressiven Charakter des gegenwärtigen Kapitalismus/Imperialismus und die wachsende Tendenz zu Kriegen und Umweltzerstörung.

Cheng Enfu von der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften (CASS)/Abteilung Marxismus gab einen Überblick über die aktuelle wirtschaftliche und politische Situation in China. Er erwähnte seine - kritische - Rede auf dem Volkskongress gegen weitere "Liberalisierungen" (z. B. "Öffnung des Finanzsektors für internationales Kapital"). Nach seiner Intervention "besuchte" ihn eine hochrangige Delegation. Über seine Rede gab es keinerlei Informationen in den - offiziellen - Medien....

In meiner Rede habe ich unterstrichen, dass es nicht genügt, Marx zu zitieren, sondern mit seinen Werkzeugen eine konkrete Analyse der konkreten Situation vorzunehmen. Ich sprach auch über seine Fehler - z.B. sein - falsches - Urteil über die sogenannte "geschichtslosen Völker" (z.B. Slawen). Und ich erklärte, dass seine Position der Befreiung der Arbeiterklasse sehr klar war: Das Proletariat muss sich selbst befreien und direkt regieren - und NICHT die Partei sollte "für" das Proletariat regieren.

Ich habe zusammen mit David Kotz aus den USA an einem Panel der CASS teilgenommen. Dort versuchte ein chinesischer Redner das Auditorium davon zu überzeugen, dass Marx nicht kritisiert werden sollte, denn er sei ein "heiliger Mann" (sic!).

Ich hielt auch eine Vorlesung an der Northern University of Technology, an der etwa  200 StudentInnen teilnahmen. Nach meinem Beitrag hatten wir eine lebenswichtige, manchmal kontroversielle Debatte. Man konnte sehen, was das dominierende Denken in der heutigen chinesischen Gesellschaft ist. Eine Studentin fragte: "War Marx im kommunistischen Manifest nicht zu kritisch gegenüber dem Kapitalismus?"

Ich hatte die Gelegenheit, linke GenossInnen und undogmatische Mitglieder der CASS zu treffen. Sie sagten, dass die REALE Politik mehr und mehr in Richtung "weitere Öffnungen" geht - nicht nur mehr "Marktmechanismen", sondern auch die Entwicklung kapitalistischer Strukturen.

 

 

MOSKAU

Die Konferenz an der Lomonossow University und der Universiät für Finanzwissenschaften und Recht war viel produktiver, differenzierter und kritischer.

Es gab auch einen "offiziellen" Teil, aber kürzer und nicht so leer. Man konnte spüren: Es gibt immer noch Sektoren in der russischen Gesellschaft, für die Marx kein "toter Hund" ist. Das Hauptziel der Konferenz - vor allem für die "alternative" Gruppe um Alexander Buzgalin (er war einer der Hauptorganisatoren der Konferenz) - war es, die gegenwärtige Situation zu untersuchen und in die Zukunft zu blicken.

Die Bandbreite der Konferenz reichte von der politischen Ökonomie bis zum Problem der Entfremdung. Savvas Matsas unterstrich die Notwendigkeit, dass die linken Kräfte international wieder gemeinsam handeln.

Zhan Toshchenko berichtete, dass die Mehrheit der ArbeiterInnen in Russland in der Prekarität bleiben: Teilzeit, Vertragsarbeiter.... - ohne ausreichende soziale und medizinische Garantien.

Um ehrlich zu sein, gab es auch viel Verwirrung über die Bedeutung der Kategorie "Proletarier/ Arbeiterklasse". Einige RednerInnen reduzierten die Arbeiterklasse auf die IndustriearbeiterInnen - was NICHT die Position von Marx ist. Sie sprachen sehr oberflächlich über die Mittelschicht und "vergaßen", dass die Arbeiterklasse immer differenziert war. Und es gab kein Verständnis dafür, was Klasse "an sich" und "Klasse für sich" ist.

Summa summarum: Es war wichtig, beide Konferenzen zu besuchen, "gegen den Strom zu schwimmen" und die kritischen und revolutionären Ideen und Methoden von Marx in die heutige Situation umzusetzen.

     Hermann Dworczak (0043 / 676 / 972 31 10)


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