Mirjam Zadoff: Der rote Hiob. Das Leben des Werner Scholem (Rezension)

Der rote HiobMIRJAM ZADOFF  "DER ROTE HIOB"

Wer den Namen Scholem hört, denkt unwillkürlich an den jüdischen Religionswissenschaftler Gershom Scholem - den Freund und  Briefpartner von Walter Benjamin. Aber es gibt noch einen anderen Scholem, den Bruder Werner - revolutionärer Marxist, Kritiker Stalins und im KZ Buchenwald ermordet. Die vorliegende Biographie leistet einen wesentlichen Beitrag, diesen in Vergessenheit geratenen Kämpfer der ArbeiterInnenbewegung wieder einem breiteren Publikum bekannt zu machen.

Die Brüder Gershom (Gerhard) und Werner Schalom - aus dem "angepaßten" jüdischen liberalen (oft deutschnational orientierten)  Bürgertum kommend - gingen in den Jugendjahren ähnliche Wege: Sie rebellierten gegen die "Welt der Väter", sympathisierten mit dem Sozialismus und Zionismus. Während sich Gerhard in die Schweiz absetzen konnte, mußte Werner im Ersten Weltkrieg einrücken, erlebte voll dessen Schrecken unmittelbar mit, wurde an der Ostfront schwer verwundet.

Werner hatte sich schon früh in der ArbeiterInnenbewegung organisatorisch verankert, spielte inbesonders in der Jugendarbeit eine wichtige Rolle, radikalisierte unter dem Eindruck des Krieges und dem Verrat der sozialdemokratischend Führunge (Zustimmmung zu den Kriegskrediten, "Burgfrieden",....)  seine politischen Positionen und fand über die USPD schießlich den Weg zur KPD.

Gerhard hingegen nahm sein politisches Engagement immer mehr zurück, verstärkte seine zionistische Haltung und Gläubigkeit. An die Stelle tiefgehender Gesellschaftsanalysen trat die Beschwörung von "Dämonen" (S. 123) - ähnlich wie bei dem "Arier" Doderer. Immer schärfer wurde auch die Kritik am politischen Verhalten des Bruders.

Die Autorin schildert kenntnisreich das Auseinanderdriften des ungleichen Brüderpaars: der eine wird  Revolutionär, verurteilt den Stalinismus, wird ein Weggefährte Trotzkis und schließlich - nach langen Jahren politischer Gefangenschaft - 1940 von den Nazis im KZ Buchenwald umgebracht. Der andere wird weltbekannter Religionswissenschaftler, geht nach Palästina und hilft dort mit, den Zionismus praktisch umzusetzen - mit all den bekannten katastrophalen Folgen für die arabische Bevölkerung.

Nicht übergangen wird das weitgehend traditionelle Frauenbild, das dem Revolutionär Scholem eigen war, obwohl seine -nichtjüdische - Gattin selbst politisch aktiv, belesen - also alles andere als ein "Hausmütterchen" war.

Wer Interesse an der - extrem tragischen - Geschichte der deutschen ArbeiterInnenbewegung hat, sollte sich das Buch nicht entgehen lassen.

Über einige Punkte würde ich gerne mit der Autorin einen kritisch-solidarischen Dialog führen - etwa: die Auseinandersetzung mit der "jüdischen Utopie" erscheint mit etwas zu kurz geraraten. Michael Löwy hat dazu einige wunderbare Bücher geschrieben.

Die harten Bedingungen "21 Bedingungen" für Parteien, die in die kommunistischen Internationale aufgenommen werden wollten, wurden in der Realität recht flexibel gehandhabt (etwa gegenüber der italienischen Linken).

Das Arbeitereinheitsfront-Konzept - doch ein Schlüsselpunkt revolutionärer Strategie und Taktik und für Trotzki kardinal im Kampf gegen den Nationalsozialismus! - wird in dem Buch nicht stringent behandelt.

   Hermann Dworczak (0676 / 972 31 10)

 

 

Mirjam Zadoff: Der rote Hiob. Das Leben des Werner Scholem.

Carl Hanser Verlag München 2014. 382 Seiten

 

 

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