Ernst Piper ALFRED ROSENBERG. Hitlers Chefideologe

12 Jahre hat der Autor an diesem Buch gearbeitet. Das Ergebnis kann sich - mit einigen Abstrichen - sehen lassen. Die Person Rosenberg, des "Hohepriesters" des Nationalsozialismus und ab 1941 Minister für die besetzten Ostgebiete, rückt ebenso voll ins Bild wie das System der Nazis selbst.

Rosenberg hat sich vor dem Nürnberger Internationalen Gerichtshof, der ihn wegen seiner umfangreichen Verbrechen zum Tode verurteilte, aus der Verantwortung zu stehlen versucht: er sei "nur" Schriftsteller gewesen habe, von der Ermordung der Juden und JüdInnen habe er nichts gewußt, schon gar nicht daran mitgewirkt.

Tatsächlich war der Deutschbalte (im estischen Reval, heute Tallinn geboren) von der ersten Stunden bei den Nazis aktiv mit von der Partie. Nach seiner Emigration (wegen der Oktoberrevolution) wirkte er bereits in den Anfängen der Nazi-Bewegung in München. Er marschierte beim "Hitlerputsch" mit, wurde u. a. Herausgeber des "Völkischen Beobachter", verfaßte den "Mythus des 2O. Jahrhunderts", eine Art "philosophische "Grundlegung der braunen Barberei. Er gehörte zum engsten Nazi-Zirkel - auch wenn er bei zentralen politischen Posten oft nicht zum Zug kam (er verfehlte u. a. das Amt des Außenministers, nachdem er gierte). Als jedoch die Nazis den Krieg gegen die Sowjetuninon vom Zaun brachen, stieg er zu Ministerwürden auf.

 

Rosenberg war nicht "nur" ein wüster rassenbiologischer Antisemit. Auf ihn geht entscheidend die Konnotation "jüdisch-bolschewistisch" zurück- etwa in dem Machwerk aus dem Jahre 1922 "Pest in Rußland". 

Er war ein wesentlicher ungeistiger Wegbereiter und Aktivist des Nationalsozialismus - so leitete er ebenfalls den "Kampfbund für deutsche Kultur" und den für seine extremen Raubzüge berüchtigten "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg". Daß er vor allem zur Feder Griff - Hitler bombardierte er laufend mit "Eingaben"- und lange Zeit nicht zu allerhöchsten politischen Weihen kam, lag an seiner persönlichen Statur: er war ein schlechter, fader Redner (meistens las er vom Blatt), hatte wenig praktisch-politischen Instinkt, glaubte bis zum bitteren Ende, daß es vor allem "geistig aufzurüsten" gelte .

1941, nach dem Überfall auf die Sowjetuninon schlug für ihn die ganz große  Stunde. Er wurde Minister für die besetzten Ostgebiete, verfügte über einen Riesenapparat und war voll involviert in alle Verbrechen - bis hin zu "Vernichtungaktionen".

Ernst Piper hat eine Unmenge Material zusammengetragen und analysiert. Er schuf damit zweifelsohne ein Standardwerk über Hitlers Chefideologen. Und wie gesagt er behandelt nicht nur die Person Rosenbetrg, sondern diese stets im Wechselspiel mit dem NS-Gesamtsystem.

Dennoch seien einige kritische Bemerkungen gestattet. Gelegentlich geht Piper zu sehr ins unwesentliche Detail, manche Passagen sind ungenügend: so traten bereits 1936 Nazis in die Schuschnigg-Regierung ein und nicht erst im Februar 1938 (S.297). Und wenn schon die Beziehung Nietzsche-Nationalsozialismus/Rosenberg bemüht wird, dann sollte dies nicht kursorisch erfolgen. Auch Heideggers fatale Rolle in der Nazizeit wird von Piper nur ganz kurz behandelt.

Diese Kritik soll den Verdiensten des Buchs jedoch keinen Abbruch tun. Der Autor hat Rosenberg nicht einfach als "halbgebildeten Schwadroneur" abgetan, sondern sich der mehr als anstrengenden Mühe unterzogen, sich umfassend und gründlich mit ihm auseinanderzusetzen. Wer an der Schlüsselrolle dieses Nazideologen Interesse hat, wird um um Pipers Studie keinen Umweg machen können.

Hermann Dworczak

 

Ernst Piper  Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe.

Pantheon Verlag  München 2007, 830 Seiten, 17,50 Euro

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