Ulrich Weinzierl: Stefan Zweigs brennendes Geheimnis (Rezension)

Wer hat nicht Stefan Zweig - in der Schule - gelesen?! Wer hat nicht von seinem Selbstmord im fernen Brasilien gehört?! Aber wer weiß schon, dass Zweig ein "brennendes Geheimnis" hütete, das ihm Lust und Qual zugleich bereitete: Er war Exhibitionist.

Ulrich Weinzierl hat nun ein gut recherchiertes Buch geschrieben, das sich auch dieser "Schattenseite" des bedeutenden bürgerlichen Schriftstellers widmet. Nicht um "pikante Enthüllungen" zu präsentieren, sondern um die Widersprüchlichkeit der Zweigschen Charakterstruktur zu zeigen.

Zweig hat in seinem männlichen Narzissmus Frauen reihenweise "konsumiert". Er hatte ein ausgeprägtes Sexualleben, „ließ nichts anbrennen“. Seine erste Frau bezeichnete er als sein "Oberhaserl"(Originalton), daneben hatte er zahlreiche Affairen mit anderen Frauen, die er "Unterhaserln" nannte.

Wie in Kakanien weit verbreitet (man/ frau denke etwa nur an den Kaffeehausliteraten Peter Altenberg), hatte er auch Sex mit minderjährigen Frauen (damals waren die Hälfte der GunstgewerblerInnen Minderjährige!).

Anders als gelegentlich vermutet/ behauptet, war Zweig - im Gegensatz zu Thomas Mann - nicht (latent) homosexuell. Diese Annahme erfolgt nicht zuletzt wegen Zweigs Novelle "Verwirrung der Gefühle", wo er mit großem Einfühlungsvermögen das Thema Gleichgeschlechtlichkeit behandelt. " Weinzierl zeigt dies in dem umfangreichen Kapitel "Verwirrung der Gefühle?" (S. 83ff.) und kommt zu der Einschätzung, dass es allerdings homoerotische Komponenten gegeben hat, z. B. den "pädagogischen Eros" gegenüber männlichen Verehrern und Schülern (S. 138 ff).

Hingegen war Zweig Exhibitionist: er entblößte sich in diversen Wiener Parks und in Schönbrunn vor Mädchen und Frauen. Er zog einerseits daraus Lustgewinn- auch bei der (glücklich überstandenen) Entdeckung seiner "Perversion", anderseits litt er darunter schrecklich und schämte sich. Weinzierl deutet Zweigs ständiges Bemühen, sich an "großen, hehren, reinen" Charakteren zu orientieren und selbst zu solch einer "Autorität" zu werden, als Versuch, sein "brennendes Geheimnis" zu konterkarieren.

Warum das alles? Um einen großen, antifaschistischen Schriftsteller zu demontieren?? Mitnichten.

Das Buch schließt mit einer tiefen Würdigung des literarischen Schaffens und politischen Wirkens von Stefan Zweig. Aber es wird eben nicht die Komplexität und Widersprüchlichkeit seiner Persönlichkeit unter den Teppich gekehrt. Solch differenzierte Sichtweise ist gerade heute wichtig, wo es angesichts der kombinierten Krisen des Kapitalismus wieder verstärkt die Sehnsucht nach "Eindeutigkeit", "klarer Identität" oder – unverblümt - "rettenden starken Männern" gibt. Wie Freud entdeckte und Schnitzler formulierte, ist die "Seele ein weites Land". Hoffnung kann es nur geben, wo aus Es Ich wird - politisch gesagt: durch bewusste, kollektive, solidarische EIGENaktivität und nicht durch Anlehnung an vorgebliche "Retter".

                                            Hermann Dworczak (0676 / 972 31 10)

 

Ulrich Weinzierl Stefan Zweigs brennendes Geheimnis

Paul Zsolnay Verlag Wien 2015. 286 Seiten. 20,50 Euro

 

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