Jens Malte Fischer GUSTAV MAHLER (Rezension)

Jens Malte Fischer hat eine umfassende und differenzierte Biographie des bahnbrechenden Musikers verfaßt.

Ich habe lange gezögert, ob ich ad Mahler in die Tasten hauen soll. Schließlich bin ich kein Musik"kenner", sondern bloß ihr Liebbhaber. Da ich Musik jedoch gerne und oft höre (in der Bandbreite Klassik/ Romantik bis Blues/ Boogie Woogie) und nun schon zum zweiten Mal die fast 1.000 Seiten-Schwarte von Fischer verdrückt habe, wage ich mich an die Sache heran.

Mahler war bekanntlich einer der ganz großen musikalischen "Türöffner". Während mit Brahms die Periode der klassischen Symphonie sich zu Ende neigt (er stirbt 1897), geht Mahler neue Wege- durchaus unter breiter Verwendung "traditioneller" musikalischer  Mittel- wie Adorno in seinem richtungsweisenden Mahler-Buch hervorgehoben hat. Mahler sprengt die bisherige Form der Symphonie, seine Scherzi haben kaum noch etwas mit einem gewohnten Scherzo zu tun, wie in Beethovens 9.Symphonie erklingt in mehreren seiner Symphonien erneut die menschliche Stimme.

So weit, so gut - diese Dinge haben sich ja mittlerweilen herumgesprochen - trotz des langen Totschweigens und Nichtaufführens der Werke des "Juden" Mahlers- auch noch nach(!) dem 2.Weltkrieg.

Viele der Aspekte der Persönlichkeit Mahlers blieben jedoch weiter unbelichtet - abgesehen von den "skandalös" präsentierten Friktionen der de facto gescheiterten Ehe mit Alma.

Nicht von ungefähr lautet daher der Untertitel des Buchs von Fischer "Der fremde Vertraute". Minuziös wird das Leben Mahlers geschildert, das das gerade Gegenteil von "einfach" war. So mußte er sich die längste Zeit nach dem Tod der Eltern finanziell um die zahlreichen Geschwister kümmern. Seine Tätigkeit als Direktor der Wiener Hofoper (1897- 1907), die er gründlich reformierte (oder zumindest versuchte), war von zahlreichen Intrigen und antisemitischen Attacken begleitet - bis er schließlich das Handtuch warf.

Fischer wirft ein starkes Licht auf die Lektüre des Viellesers Mahlers (etwa Jean Paul), auf die Philosophen, die ihn prägten (Goethe, Nietzsche,...), schließlich dessen eigene weltanschaulichen  Positionen: Mahler konvertierte zwar - wie andere auch aus taktischen Gründen - zum Katholizismus, war jedoch in keiner Weise an christliche Dogmen gebunden. Er glaubte - wie viele damalige Künstler - an ein "Nicht-Sterben" des Geistes, des Schöpferischen.

Fischer vermeidet eine "Verklärung seines Helden". Sein widersprüchlicher Charakter wird hervorgehoben: da gibt es die grenzenlose Naturliebe Mahlers, seine Liebenswürdigkeit und Menschenfreude, Mahler geht einmal sogar bei der 1.Mai-Demonstration mit; aber ebenso sein kühl planendes Agieren, um "etwas zu werden" (vor allem Hofoperndirektor) oder wie er Beziehungen beendete (mit der Sängerin Anna von Mildenburg - mit der er eine stürmische Beziehung hatte oder mit seiner langen "platonischen" Freundin Natalie Bauer-Lechner).

Die vertrackte Ehe mit Alma wird detailliert dargestellt (inklusive der Gropius-Affäre und Mahlers Konsultation Freuds; um die Ehe zu retten, erniedrigt sich Mahler, ja "macht sich zum Narren")- ohne je in vulgären Enthüllungsjounalismus abzugleiten. Die Schilderung dient ausschließlich dazu, die disparaten Facetten der Persönlichkeitsstruktur des musikalischen Genies  zu beleuchten.

                      Hermann Dworczak (0043 / 676 / 972 31 10)

 

 

Jens Malte Fischer Gustav Mahler. Der fremde Vertraute

Paul Zsolnay Verlag Wien 2003, 992 Seiten

 

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