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  • Jean Ziegler im Interview: Welthunger. "Es bleiben Zorn und Hoffnung"  

    AktuellesUN-Sonderberichterstatter Jean Ziegler über seinen Kampf gegen den Hunger.

    Herr Ziegler, trotz des Millenniumszieles, die Zahl der Unterernährten bis 2015 zu halbieren, steigt die Zahl der Hungertoten weiter. Scheiden Sie frustriert aus dem Amt des UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung?

    Erstens höre ich nicht auf zu kämpfen, sondern kandidiere für die Expertengruppe, die künftig den UN-Menschenrechtsrat berät. Zweitens geht es nicht um mich, den Kleinbürger in Genf, sondern um die Opfer. Es ist ein Skandal, dass alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert.

    Warum schaffen es Politik und Wirtschaft nicht, diese Entwicklung umzukehren?



    Es liegt am Liberalismus, an der herrschenden Weltordnung. Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft FAO sagt, dass zwölf Milliarden Menschen ernährt werden könnten. Warum geschieht das nicht? Die dominierenden Instanzen wie Weltbank, Welthandelsorganisation und der Internationale Währungsfonds praktizieren den Konsensus von Washington. Sie sagen, wenn alle Kapital-, Güter- und Dienstleistungsströme total frei sind, wenn alle öffentlichen Sektoren privatisiert sind, dann geht das Kapital dorthin, wo es den maximalen Profit erzielt. Das Ergebnis ist, dass heute die 500 größten Konzerne 52 Prozent des Weltbruttosozialprodukts kontrollieren. Das bedeutet einerseits eine Refeudalisierung der Welt, eine Monopolisierung unglaublicher Reichtümer, anderseits eine ungeheure Verelendung in der südlichen Hemisphäre.

    Sie klagen die WTO, Weltbank und IWF an...

    ... das sind die Söldner der Oligarchie des internationalen Finanzkapitals.

    Halten Sie diese Organisationen für reformierbar?

    Nein, die sind überhaupt nicht zu reformieren.

    Was müsste an deren Stelle treten?

    Eine Welthandelsregelung, die der Ungleichheit Rechnung trägt. Totale Liberalisierung, das hieße doch, den Boxweltmeister Mike Tyson gegen einen unterernährten bengalischen Arbeitslosen antreten zu lassen. Und dann wie die WTO zu sagen, es gelten doch für beide die selben Regeln und beide haben die selben Boxhandschuhe, der Bessere wird schon gewinnen. Da sieht man, dass das gar nicht gehen kann, nach 400 Jahren Kolonisation und Ausbeutung durch den Norden. Der Neoliberalismus an sich ist ein mörderisches System.

    Die Europäische Union verhandelt zur Zeit mit den Staaten Afrikas, der Karibik und des Pazifiks (AKP) Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (EPA)...

    ... das ist empörend. Die Vorläuferverträge wie das Cotonou- und das Lomé-Abkommen haben immer eine Asymmetrie vorgesehen, dass also Produkte aus dem Süden einerseits einen freien Zugang in den nördlichen Markt haben und andererseits die AKP-Staaten Einfuhrzölle erheben können. Mit den EPAs sollen die Länder jetzt keine Zölle mehr nehmen dürfen. Das ist aber manchmal der einzige oder jedenfalls ein ganz wichtiger Einnahmeposten der Staaten. Es gibt kein Land auf der Welt, das eine Industrie ohne eine Phase des Protektionismus hätte aufbauen können.

    Die deutsche Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul hat am Montag ihren "Entwicklungspolitischen Aktionsplan für Menschenrechte" vorgestellt. Ein Schwerpunkt darin ist das Menschenrecht auf Nahrung. Hat Deutschland hier eine Vorreiterrolle?

    Frau Wieczorek-Zeul ist eine großartige Frau. Aber die Bundesrepublik agiert so schizophren wie alle westlichen Länder. Die OECD-Staaten und damit auch Deutschland haben letztes Jahr 349 Milliarden Dollar an Produktions- und Exportsubventionen für ihre Bauern ausgegeben. Sie können heute auf jedem afrikanischen Markt deutsches, französisches oder italienisches Gemüse zu einem Drittel des Preises gleichwertiger afrikanischer Produkte kaufen. Und ein paar Kilometer weiter steht der afrikanische Bauer 15 Stunden am Tag unter brennender Sonne, rackert sich ab und hat nicht die geringste Chance auf ein Minimaleinkommen. Das EU-Agrar-Dumping zerstört die afrikanische Landwirtschaft und treibt die Hungerzahlen in die Höhe.

    Auch Biosprit verursache Hunger, behaupten Kritiker. Sie selbst fordern ein fünfjähriges Moratorium für landwirtschaftlich erzeugte Biokraftstoffe. Mit welchem Ziel?

    Es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wenn Nahrungsmittel verbrannt werden, um Biotreibstoff zu gewinnen. Durch die Produktion von Bioethanol hat sich die Welternährungssituation komplett verändert. Die Tonne Getreide zum Beispiel kostete im Januar 2007 rund 152 Dollar, heute sind es 358 Dollar. Länder, die Nahrungsmittel importieren müssen, sind total im Würgegriff. Warum das Moratorium: Die Wissenschaft macht schnell Fortschritte, in fünf Jahren, das ist meine Hoffnung, könnte in großem Stil aus landwirtschaftlichen Abfällen Biotreibstoff hergestellt werden.

    Welche Rolle spielt das World Food Programme (WFP) bei der Hungerbekämpfung? Macht der verbilligte Verkauf von Nahrungsmitteln nicht auch die regionalen Märkte kaputt?

    Letztes Jahr hat das zu 60 Prozent von US-Agrarüberschüssen gespeiste WFP 91 Millionen Menschen am Leben erhalten. Natürlich kann man sagen, dass die lokale Produktion unter Druck gerät, wenn plötzlich Maismehl gratis verteilt wird. Aber einerseits wird das WFP nur tätig, wenn wirklich nichts mehr da ist, wie zum Beispiel in Somalia, Darfur oder Burundi. Da haben Menschen gar nichts mehr, können nicht mehr pflanzen und nicht mehr ernten, da ist humanitäre Hilfe die einzige Überlebenschance. Andererseits hat das WFP seit einigen Jahren auch eine Entwicklungsdimension und verteilt Lebensmittel nicht mehr nur gratis, sondern gegen Gemeinschaftsarbeit.

    Sie kämpfen seit acht Jahren als Sonderbeauftragter für das Recht auf Nahrung. Was bleibt, wenn Sie die Aufgabe jetzt an einen Nachfolger übergeben?

    Zorn und Hoffnung. Zorn darüber, dass es nicht gelingt, gegenüber dem Finanzkapital ein Weltgemeinschaftsinteresse durchzusetzen. Hoffnung, dass der Bewusstseinsspiegel weiter steigt. Heute gibt es ein Wissen darum, dass es keine Fatalität gibt, dass man etwas tun kann gegen den Hunger. Das mobilisiert die Zivilgesellschaft unglaublich - von Porto Alegre bis Heiligendamm. Natürlich haben die Regierungschefs in Heiligendamm beim Thema Afrika nur über Investitionsgarantien und Patentschutz verhandelt, kein Wort über den Hunger. Aber jenseits des Zaunes waren 150 000 Menschen aus 41 Nationen - und die haben über den Hunger und seine Ursachen geredet. Das gibt Hoffnung.

    Quelle: FR, 12.3.08 (Das Interview erschien am 12. März in der Frankfurter Rundschau)

     


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