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 Zu einem Zeitpunkt, an dem Bevölkerung des Gaza-Streifens neuerliche, schwerste Leiden erfährt und selbst fundierte und differenzierte Kritik an der mörderischen Politik der israelischen Regierung als "Antisemitismus" abqualifiziert wird, ist es unerlässlich, die Begriffe zu schärfen und die realen, historischen Wurzeln des Nahost-Konflikts zu beleuchten.
Der von John Bunzl und Alexandra Senfft herausgegegene Reader "Zwischen Antisemitismus und Islamophobie - Vorurteile und Projektionen in Europa und Nahost" trägt wesentlich zur Begriffsklärung bei. "Islam, Islamismus und terroristischer Extremismus sind bekanntlich nicht ein und dasselbe, und es gibt auch nicht e i n e n Islam, ebensowenig wie es ein Juden- oder ein Christentum gibt" (S.11).
Quer zu theologisch-religiösen Argumentationsmustern geht Matti Bunzl in die historische Konkretion: "Antisemitismus und Islamophobie müssen daher aus einer säkularen Sichtweise verstanden werden und das entlarvt sie als zeit- und ortsspezifische Phänomene. Antisemitismus hat seinen Ursprung im späten 19. Jahrhundert.... Im Gegensatz dazu kam Islamophobie erst vor relativ kurzer Zeit auf, angefeuert durch Geopolitik und vorher nie dagewesene Bevölkerungsbewegungen, durch die Millionen Muslime nach Europa kamen" ( S.60f.).
Ansteigender Antisemitismus wird von den AutorInnen mit Besorgnis registriert. Etwa wenn der Exkommunist Roger Garaudy die Existenz von Gaskammern anzweifelte, in arabischen Hauptstädten gefeiert und vom syrischen Vizepräsidenten empfangen wurde! (S. 137 f.) Antisemitismus wird jedoch nicht enthistorisiert, sondern konkret geschichtlich verortet. "Wenn junge ausgegrenzte Muslime französische Juden angreifen, dann nicht aus dem Interesse heraus, ein ethnisch reines Frankreich zu schaffen.... Im Gegenteil. Sie greifen Juden eben deshalb an, weil sie sie als Teil einer europäischen Hegemonie begreifen, die sie nicht nur in Frankreich marginalisiert, sondern die aus ihrer Sicht auch für die Leiden der Palästinenser verantwortlich ist" (S. 65f.). In die gleiche Kerbe schlägt der empirisch reichhaltige Beitrag von Paul A. Silverstein "Der Zusammenhang von Antisemismus und Islamophobie in Frankreich" (S. 88ff.). "Das andauernde Erleben von Rassismus und Ausgrenzung im Alltag vieler französischer Maghrebiner zeigt, dass das manichäische Weltbild, wie es Frantz Fanon im späten kolonialen Algerien gesehen hat, auch eine zutreffende Beschreibung der gegenwärtigen Realität ist" (S.90).
Ohne auch nur im Mindesten die Singularität des Holocaust in Frage zu stellen, verweist Brian Klug zu recht darauf, dass "Israel Parallelen zwischen den Palästinensern und den verfolgten Juden vergangener Zeiten schafft" (S. 86). Zitiert wird der Holocaust-Überlebende Primo Levi (1), der im Anschluss an die Invasion im Libanon im Juni 1982 sagte: "Jeder ist irgendjemandes Jude und heute sind die Palästinenser die Juden der Israelis." (ebd.)
Ins Zentrum des Problems führt schließlich Alexander Flores Beitrag "Arabischer Antisemitismus in westlicher Perspektive" (S. 145 ff.). "Der Zionismus, entstanden als jüdisch-nationalistische Defensivbewegung gegen verschärften Antisemitismus in Europa, wurde in Palästina zur Kolonisierungsbewegung und verband sich mit den imperialen Interessen europäischer Mächte, ohne deren Protektion die Realisierung seines Ziels undenkbar war" (S. 152). Die "Feindschaft" der Palästinenser gegen den jüdischen Staat lässt sich "aus dem Schaden erklären, der den Palästinensern aus der Realisierung des zionistischen Projekts und später aus der israelischen Politik erwuchs. Sie ist nicht an sich antisemitisch. Sie wird es erst, wenn sie als Feindschaft gegen Juden a l s J u d e n artikuliert wird" (S. 152 f.)
Hermann Dworczak
(1) Primo Levi: Ist das ein Mensch, Turin 1958; Primo Levi Die Untergegangenen und die Geretteten, München 1993
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John Bunzl/ Alexandra Senfft (Hg.)
Zwischen Antisemitismus und Islamophobie
Vorurteile und Projektionen in Europa und Nahost
Hamburg 2008. 255 Seiten. 20,40 Euro
Inhaltsverzeichnis
Vorwort ..................................................................................................... 7
Einleitung ................................................................................................ 13
Europa
Alexander Pollak
Antisemitismus ...................................................................................... 17
Probleme der Definition und Operationalisierung eines Begriffs
Elisabeth Kübler:
»Des Juden laue Verteidiger« ............................................................... 33
Antisemitismus, Philosemitismus und Pluralismus
im demokratischen Europa
Matti Bunzl:
Zwischen Antisemitismus und Islamophobie ...................................... 53
Überlegungen zum neuen Europa
Brian Klug:
Die Sicht auf Israel als »Jude der Welt« ............................ 75
Paul A. Silverstein:
Der Zusammenhang von Antisemitismus
und Islamophobie in Frankreich ........................................ 88
Sander L. Gilman:
Exkurs über die Parallelen zwischen Judentum und Islam
in der Diaspora ....................120
Nahost
John Bunzl:
Spiegelbilder – Wahrnehmung und Interesse
im Israel-Palästina-Konflikt .............................. 127
Alexander Flores:
Arabischer Antisemitismus in westlicher Perspektive .................... 145
Omar Kamil:
Die arabischen Intellektuellen und der Holocaust ............................ 160
Epistemologische Deutung einer defizitären Wahrnehmung
Michael Rothberg:
Der Holocaust, Kolonialfantasien und
der Israel-Palästina-Konflikt .................................... 177
Multi-direktionale Erinnerung
Daniel Bar-Tal
Das Bild der Araber in der israelisch-jüdischen Gesellschaft ......... 195
Aviezer Ravitzky
Das jüdische Volk und der Kampf der Kulturen .................................. 228
Herbert C. Kelman
Antisemitismus und Zionismus in
der Debatte der Palästinafrage ....................... 238
Persönliche Reflexionen
Die Autorinnen und Autoren ........................... 251
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