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„O du beste aller Welten, wo bist du?“
Voltaire, „Candide“ (1759)
Wenn die Erde bebt, stürzen Bauten und Weltbilder ein. Wir werden dessen inne, wie prekär unsere Existenz auf diesem Planeten ist, und für kurze Zeit fühlen alle Menschen sich als Brüder. Als am 1. November 1755 ein Erdbeben, gefolgt von einem Tsunami und einer Feuersbrunst, die portugiesische Hauptstadt Lissabon verheerte, führte das zu einer Radikalisierung der Aufklärung: Hielt kein gütiger Gott die von ihm geschaffene Welt bewahrend in seinen Händen, dann mußten die Menschen sich selbst um ihr Wohl und Wehe kümmern. Dem Beispiel der weißen Jakobiner, die in den frühen neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts in Paris den Adel enteignet, die Menschenrechte proklamiert und die Monarchie gestürzt hatten, folgten zehn Jahre später schwarze Jakobiner, die nach dem ersten erfolgreichen Sklavenaufstand der Geschichte die Unabhängigkeit der Republik Haiti vom französischen Kaiser-reich durchsetzten. Für diese Kolonialrevolution hat die Insel Hispaniola, vor allem ihr westlicher Teil, in den vergangenen 200 Jahren teuer bezahlt. Die Anerkennung ihrer politischen Unabhängigkeit mußten die Haitianer 1825 mit der ungeheuren Summe von fast 100 Millionen Francs von Frankreich erkaufen, die jahrzehntelang in jährlichen Raten abgestottert wurde. Die USA weigerten sich bis 1862, die Republik anzuerkennen, und verhängten, wie andere Kolonialmächte, über sie ein Handelsembargo.
Damit begann die Karriere Haitis als abhängiges Schuldnerland, die aus der einstigen „Perle der Antillen“ das werden ließ, was sie heute ist: das Armenhaus der westlichen Hemisphäre. Erbe der französischen Kolonialmacht wurden im 20. Jahrhundert die USA, die die Wirtschaft des Landes in steigendem Maße kontrollierten und es in den Jahren 1915-1934 besetzt hielten. Schon die damalige Invasion wurde als „humanitäre Intervention“ deklariert und galt vor allem dem Schutz amerikanischer Investitionen und der Kontrolle über die Zugänge zum Panama-Kanal. Nach dem zweiten Weltkrieg stützten die USA die dreißigjährige Schreckensherrschaft von Vater und Sohn Duvalier. (Im Nachbarland, der Dominikanischen Republik, tolerierten sie die ebenfalls 30 Jahre währende Trujillo-Diktatur bis 1961, besetzten aber 1965/66 neuerlich das Land, um, wie es hieß, „ein zweites Kuba“ zu verhindern.)
Haiti ist ein Opfer des Raubkapitalismus. Ausländische Investoren und inländische Machthaber haben das Land ruiniert. Die Wälder sind weitgehend abgeholzt, der Boden ist erodiert; Grundnahrungsmittel müssen importiert werden; Hunger und Unterernährung, hohe Kindersterblichkeit und geringe Lebenserwartung, Analphabetismus und Ban-denwesen sind Indikatoren der Verelendung. Das Beben vom 12. Januar hat das Elend der Bevölkerung, die sich längst nicht mehr zu helfen weiß, noch einmal potenziert. Es hat etwa so viele Opfer gefordert wie der Atombomben-abwurf auf Hiroshima im August 1945. Das Elend der Bewohner Hiroshimas war ein von US-Piloten erzeugtes, ungeheures Massaker, das den zweiten Weltkrieg beenden und die Sowjetunion in Schach halten sollte. Der gegenwärtige Schrecken von Haiti resultiert hingegen aus der Überlagerung einer schwelenden Sozialkatastrophe durch eine Naturkatastrophe. Ein großer Teil der Bevölkerung flieht aus den Ruinen von Port-au-Prince aufs Land oder in die Dominikanische Republik; Waisenkinder werden in der Verwirrung en masse außer Landes gebracht, Senegal bietet Haitianern, die ihr Land verlassen wollen, die Rückkehr in die „alte Heimat“ an. Und die USA schicken einen Teil der für Afghanistan bestimmten Truppen zwecks humanitärer Hilfe und Aufrechterhaltung der Ordnung nach Haiti, um dort – im Verein mit brasilianischen Blauhelmen – die Verteilung von Hilfsgütern zu organisieren. Es sieht ganz danach aus, als gebe es für Haiti, die Schande des Westens, zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur mehr eine Überlebenschance – als Protektorat der USA.
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